SUP Erlebnis: Mainstream 400 – SUP Tour durch Franken

Karl der Große war kein Stand Up Paddler. Aber er fuhr bereits vor 1.200 Jahren Rednitz, Regnitz und Main hinauf bis nach Worms. Dieser historischen Route folge ich mit meinem iSUP, von Roth bis Aschaffenburg, 400 Kilometer, enge Kurven und kleine, verfallene Wehre hinab, vorbei an Kleinvendig und Weinbergen und vier Tage durch’s unendliche Grün der Hänge des Spessartwaldes. Selbst Wasserwachtskameraden am Brombachsee blickten ungläubig. Die Menschen im südlichen Franken haben heute das Fränkische Seenland und den Main-Donau-Kanal vor der Haustür. Aber sie haben trotz ganzjähriger Befahrungsfreigabe keinen Bezug zu „ihrem“, oft städtebaulich versteckten, Fluss. Ihnen bewusst zu machen, dass direkt vor Ihrer Haustür Bayerns längste Paddelstrecke beginnt, ist das Ziel meiner Fahrt.

Ein Nachmittag Ende Mai. Laut Wetterbericht liegen mindestens sieben hochsommerliche Tage vor mir. Das Wasserwirtschaftsamt schickt Altmühl- und Donauwasser gen Norden. Rauschend strömt die Rednitz in enger Windung beschirmt von dichtem Blätterdach aus dem Stadtgebiet der Drahtzieherstadt Roth heraus in die uralte und tiefgrüne Kulturlandschaft des von Gräben durchzogenen Wässerwiesen-Tals. Abstoßen und schon tauche ich ein in Vogelgezwitscher, Sonne-Schattenwechsel und das beständige leise Gurgeln der Strömung. Nach neun Kilometern erreiche ich die 1921 eröffnete Kahnfahrt Rednitzhembach. Kajak-Oldie „DocKnotz“ und einige Kids der „Flotten Finne“ erwarten mich an meinem „Heimathafen“. Einige Kilometer begleitet mich Nachwuchs-SUPer Joh. Vorbei an der Wehrkirche Katzwang geht es unter einer imposanten Eisenbahntalbrücke von 1844 hindurch. Nach zwanzig Kilometern ragt der Steg der Boardnerds in den Fluss. Ein kurzer Plausch mit Tom über Leben und Arbeiten am Fluss, ein Radler bei Laura, deren Ziel es ist, direkt nebenan den Flow des Flusses auf ihre Tanzschüler zu übertragen und eine Stunde später cruise ich, den Beat noch im Ohr, im goldenen Abendlicht bis zur Fachwerkkulisse der Bleistiftstadt Stein.

Vorbei am Wehr des Gaskraftwerks Franken I, dessen Turm sich in den klaren Morgenhimmel reckt, trage ich mein Board, bevor die Rednitz mich durch den Hainberg trägt. Wo einst Wallensteins Truppen lagerten, haben heute ein Landschaftsschutzgebiet und die Kanuten des SG Nürnberg-Fürth eine Heimat gefunden. International erfolgreiche Paddler wie Florian Breuer haben hier ihr Handwerkszeug gelernt. Kurz darauf erreiche ich Fürth. Mit Cappuccino in der Hand sonnen sich junge Mütter am Wasser, während im Hintergrund Kinder an der gelungen sanierten Uferpromenade spielen. Leider zwingt ein Wehr wenig später zu größerer Umtragung, bevor Rednitz und Pegnitz zusammen als Regnitz breiter, flacher und aufgelockert durch zahlreiche Schwälle, an zwei Wasserschöpfrädern (ohne Querbauwerke) vorbei, nach Erlangen strömen. An der Neumühle setze ich aus. Durch Wasserschöpfräder mit Querverbauung knapp unter der Wasseroberfläche und schwer zu umtragende Wehre eignet sich die Regnitz bis Möhrendorf nicht für SUPer. Für die Strapazen auf der acht Kilometer langen „Umleitung Kanal“ entschädigt der Rückweg zur Regnitz. Mohn, Weizen und zypressenartige Pappelallee im Hintergrund; Franken provencial! Bis kurz vor die Kellerwaldstadt Forchheim begleitet mich eine sachte Strömung. Dann überlässt die Regnitz dem Kanal ihr Bett. Meine letzten Kräfte mobilisiert quäle ich mich an Forchheim vorbei und setze nach fünfzig Kilometern im Regenschauer aus.

Daniela habe ich beim Instructor-Kurs bei Bavarianwaters kennengelernt. Heute begleitet sie mich durch „ihr Bamberg“. Erstmal aber erneut dreizehn Kilometer „Kanalkampf“. Ab Strullendorf geht es dann auf der Regnitz Richtung Bamberg. Da heute Vatertag ist, trifft sich an der Fähre Pettstadt die ganze Republik. Alle mit dem Rad auf der Spur des fränkischen Bieres. Wir paddeln weiter zum WSV Neptun. Wir haben Glück, erklärt uns dort Thomas. Am nächsten Tag stehe ein BigSUP-Drachenboot-Rennen an. Dann wäre es vorbei mit der Ruhe auf dem Fluss. So kreuzen bei der Fahrt durch den Luisenhain hinein in die Bischofsstadt nur eine Armada aus Tretbooten und vorm historischen Flussbad ein Gondoliere unseren Weg. Eines der Highlights auf meiner Reise ist sicherlich die Stadtdurchfahrt, auf die wir SUP-Freshman Sven mitnehmen. Auf den Resten des Ludwig-Donau-Kanal geht es unter vielen Brücken mit winkenden Touristen in Kleinvendig zurück auf die Regnitz. Dass der Fluss an diesem Tag gemächlich durch die Slalomstangen fließt, lässt mich erahnen, was mir auf dem nahen Main bevorsteht: null Strömung und Bayerns längste Seenkette. Ich ignoriere es und muss über die irritierten Blicke der Menschen schmunzeln, als wir unsere Boards hinauf in Richtung Dom tragen, aber im Schreiners-Biergarten auf ein Rauchbier hängen bleiben, bevor ich die letzten Kilometer bis zur Main-Mündung paddle – hundert Kilometer geschafft!

Unbarmherzig klettert das Thermometer auch am vierten Tag. Bei meiner Mittagspause in Limbach fühle ich mich bereits wie in paddelndes Steak. Die Anzahl der Boote auf dem Main ist geringer als gedacht. Den Großteil machen Ausflugs- und Flusskreuzfahrtschiffe aus. Haßfurt erreiche ich,  weitestgehend ungestört die abwechslungsreiche Landschaft der Haßberge genießend, 15 Kilometer später noch relativ entspannt. Kurz vor Schonungen tendiert meine Motivation nach 43 Kilometern aber in Richtung Flussgrund. Schwäne, Wildgänse und Co. nehme ich nicht mehr wirklich wahr, als zwei Sportboote direkt auf mich zuschießen; die DLRG bei ihrer Bootsführerausbildung will mich in ihre Übungen einbauen. Ich lehne dankend ab. In der Abendsonne auf ihren Bootswellen surfend erreiche ich die Einsetzstelle. Der Applaus Nachwuchsretter puscht mich noch fünf Kilometer dran zuhängen. Im letzten Tageslicht erreiche ich erschöpft Schweinfurt und lasse den Abend mit meiner Freundin und zeitweisen Begleitfahrzeugfahrerin Bina am Stadtstrand ausklingen.

Zusammen mit dem aus Schweinfurt stammenden SUPmatrose-Macher Thomas Pfannkuch quäle ich mich am fünften Tag den Main gen Süden. Zwar erschien wenige Tage zuvor in der Mainpost zwischen Haßfurt und Aschaffenburg ein Artikel über meine Reise, in dem ich Freizeitkapitäne darauf verwies, dass es nicht cool ist, mit Vollgas an Paddlern vorbei zu heizen. Nahezu alle mir auf 300 Kilometer Main begegnenden Boote verhielten sich super. Merci. Nur um Volkach meinten einige Bootsführer offenbar, diese komischen Menschen auf ihren Brettern aus nächster Nähe bewundern, und wiederholt vor, neben, um uns wenden zu müssen. Da bekommt der Spaß des gelegentlichen Wellensurfens echt ein Loch; wir sind doch nicht im Zoo! Willkommen ist uns nach rund dreißig Kilometern darum der Altmain. Keine Boot, aber Strömung. Halleluja! Unterhalb der Vogelsburg und gesäumt von Weinbergen verwöhnt uns der Fluss sogar mit einem langen, entspannt fahrbaren Schwall – so muss SUP! Am belebten Nordheimer Mainstrand verabschiedet sich Thomas, ich überhole bei Sommerach noch ein Partyfloß (gibt’s nicht nur auf der Isar!) und beende in Schwarzenau gegenüber Kloster Schwarzach einen weiteren Hochsommer-Paddeltag nach 34 Kilometern.

Auch am sechsten Tag ist schwüle Hitze angesagt. Gleich zu Beginn kreuzt ein Schleppkahn meinen Weg. Der Fahrer drosselt die Fahrt und streckt den Kopf aus der Kabine. „Ist das dieses SUP. Wo kann man das denn lernen?“ Da sag noch einer, der Franke sei verschlossen Neuem gegenüber. Nach zwölf Kilometern taucht die Weinhandelstadt Kitzingen, mit ihren Brücken und Kirchtürmen am Horizont auf; meine Zweitheimat. Das Ziel für die dringend notwendige Mittagssiesta liegt jedoch fünf Kilometer flussabwärts. Im Biergarten in Sulzfeld treffe ich André mit seiner Familie. André ist Südafrikaner. „Aber mittlerweile bin i Frangge“, schmunzelt er und fügt hinzu „hier am Fluss lebt sich’s einfach gut.“ Da kann ich nur zustimmen. Vorbei an kleinen Flussstränden, Marktbreit und Ochsenfurt paddle ich nach Sommerhausen. Ein Sportboot überholt mich und drosselt mit etwas Abstand seine Fahrt. Eine junge Frau in wallend-leichter Sommerkleidung räkelt sich auf dem Heck, eine zweite filmt. Der Steuermann bremst, hält neben mir, zuckelt wieder voraus. Offenbar eignen sich SUPer nicht nur für Rettungsübungen, sondern auch als Staffage für (Musik?)Videos. Nach zwei Kilometern gibt die Filmboot-Crew wieder Gas und ich erreiche nach 36 Kilometern kurz darauf Eibelstadt.

Nach 230 Kilometern, kommen Käppele und Festung Marienberg linkerhand näher. Oft habe ich mir, einen Brückenschoppen in der Hand, in den letzten Jahren vorgestellt unter der 1488 erbauten, alten Mainbrücke in Würzburg hindurch zupaddeln. Jetzt ist es soweit – und unspektakulärer als erwartet. Zehn Kilometer später erreicht mich im Veitshöchheimer Meegärtla ein Anruf. Bayern1 interessierte sich für meine Reise. Klasse, noch schnell im Interview für’s SUPen und die fränkische Heimat geworben und weiter geht’s an Benediktushöhe und den beeindruckend hohen Muschelkalkfelswänden des Steinbergs und Stettener Bergs vorbei zum Schlossbiergarten in Laudenbach. Sonnenversenkt reichen mir auch heute 34 Kilometer.

Als am nächsten Morgen nach Karlstadt die Hänge des Spessarts näher an den Main rücken, wird die Temperatur etwas erträglicher. In Gemünden treffe ich mich mit Dr. Oliver Kaiser, dem Geschäftsführer des Naturpark Spessart. Er berichtet mir, dass Wald und Fluss seit jeher das Leben der Menschen hier geprägt haben. Da für den Nachmittag Gewitter angekündigt sind, paddle ich zügig in Richtung Schneewittchen-Stadt Lohr. Auf den letzten drei Kilometern wünsche ich mir, ich hätte nicht mit Blick auf Begegnungen mit Schiffen, das kurze aber breite 10,6er, sondern mein 14er Race-SUP als Reiseuntersatz gewählt. Bedrohlich ziehen von Westen schwarze Wände heran und die Wolken bereits die Hügelketten hinter Lohr herab. Offenbar zürnt die böse Schwiegermutter. Vielleicht war dieser Spiegel wirklich so blöd, ihr zu sagen, sie sei nicht die Schönste im Land. Als Mann kann ich da nur sagen: saudumme Idee. Es donnert bereits als ich mein Board nach dreißig Kilometern, gerade rechtzeitig, aus dem Wasser hieve.

Unglaublich hässlich grüßt mich am nächsten Morgen die „moderne“ Schneewittchen-Statue. Die  märchenhafte Schönheit des Spessarts nach Lohr vertreibt meine Gedanken zu Reichweite und Zweckfreiheit von Kunst. Vom Fluss sind Straßen und kleine Ort kaum auszumachen und ich paddle zwischen steilen Waldwänden gen Süden. Nur etwas Strömung fehlt zum Glück – und eine Gelegenheit zur Mittagspause. Entgegen dem Filmklassiker heißt es heute „Kein Wirtshaus im Spessart“. Alle haben entweder geschlossen, oder wurden – ungeachtet Google-Eintrag – in Asylbewerberunterkünfte umgewandelt. Also zwei Powerbars und weiter bis Marktheidenfeld. Dort entschädigt der Martins-Biergarten direkt am Main. Gestärkt lasse ich mich, das Glitzern der reflektierten Sonnenstrahlen im Gesicht mit leichtem Paddelschlag den Fluss hinuntertreiben. Ich fühle mich wie Tom Saywer. Vorbei an steilen Weinlagen und Schloss Homburg erreiche ich den gleichnamigen Winzerort. Von weit her kommen die Gäste hierher zu Thomas Hausin. Durch seine Frau fand der Schwabe eine neue Heimat am Fluss und serviert – welch willkommene Abwechslung zur kohlenhydratreichen Paddlernährung der Biergärten – im Weinhaus Ritter gehobene Küche.

Mal in Franken, mal in Baden-Württemberg geht es von Homburg auf der Landesgrenze Main am zehnten Tag 38 Kilometer nach Freudenberg. Nach wie vor ohne Strömung durch’s „Himmelreich“, die Taubermündung in Wertheim links liegen gelassen und im Augustiner-Biergarten nach Wertheim angelegt, merke ich die weiterhin sengende Sonne mittlerweile fast nicht mehr. Romantisch grüßt die stauferische Henneburg oberhalb von Stadtprozelten und schimmern die Bundsandsteinbrüche bei Dorfprozelten in der nachmittäglichen Sonne. „Warst du das im Radio?“ ruft mir ein Frachtschiff-Kapitän zu. Nice, wurde es gesendet, denke ich mir und nehme die letzten sieben Kilometer nach Freudenberg mit neuer Motivation in Angriff. Dort beginnt der Nibelungenweg nach Worms und hält eine Überraschung für mich bereit. Karl der Große war kein SUPer. Aber wenn man sich die Wotan-Statue auf der Mainbrücke besieht, so kann man sich einem Eindruck nicht erwehren: der Gottvater selbst war SUPer!

Nach zehn Tagen liegen 350 Kilometer hinter mir. Die körperlichen Beschwerden halten sich bis auf steife Finger und schmerzende Fußsohlen in Grenzen. Eigentlich wollte ich die letzten beiden Tage in entspannte 25km-Etappen teilen. Da für den letzten Tag allerdings ab dem frühen Mittag erneut heftige Gewitter vorhergesagt sind, heißt es einmal mehr: Strecke machen. Scheinbar bescheren die Gewitter der letzten Tage an den Oberläufen von Main, Regnitz und Tauber dem Fluss heute so etwas wie eine sachte Strömung. Bei einer kurzen Pause im Schatten gegenüber Miltenberg spricht mich Erwin an. Der Rentner aus NRW interessiert sich für mein SUP. Er zeigt mir ein Foto und erzählt mir stolz, er habe selbst Wasserfahrräder und andere skurrile Gefährte konstruiert. Strömung unter Brett erreiche ich zügig Wörth am Main. Dort empfängt mich Rudi Bauer. Einst lernte der rüstige Senior Schiffsbauer. Heute leitet er ehrenamtlich das Schifffahrtsmuseum; ein Kleinod an Museum! Kurz vor meinem Tagesziel in Niedernberg schafft es ein talwärts fahrendes Passagierschiff durch die Überlagerung von Wasserabzug, Welle und aus einem Altarm in den flachen Flussrand angesogenem Wasser mich ein zweites mal auf meiner Reise vom Board zu werfen. Ich lasse mich, Paddel und Board haltend, grinsend treiben. Wenigstens gab’s auf der 38 Kilometertour heute Abkühlung.

Schlussspurt. Um 8:00 Uhr stoße ich mich in Niedernberg zur letzten Etappe ab. Nach acht Kilometern erreiche ich Aschaffenburg. Die letzten zwei Kilometer setzen das Sahnehäubchen auf knapp 400 abwechslungsreiche Kilometer durch Franken. Immer näher kommt Schloss Johannesburg. Geschafft denke ich, als ich – von Gewitter weit und breit keine Spur – in den rechten Mainarm biege und unterhalb von Schloss und Pompejanum das Board aus dem Wasser nehme. Bei einem Schoppen Frankenwein beobachte ich erschöpft aber glücklich das Gewusel auf dem Wochenmarkt und denke mir: jetzt müssen nur noch die Menschen, die Franken und der Rest der Republik, erkennen, dass ein Teil dieser Tour auch etwas für sie sein könnte.

Die Fakten

Strecke: 395 km (400 bis Mainaschaff), 48 Umtragungen, Zahmwasser (Rednitz/Regnitz WW I möglich vgl. Schwälle), Ab Bamberg Bundeswasserstraße (Schiffsverkehr hat Vorrang!)

SUP-Hotspots entlang des Flussverlaufs: Kahnfahrt Rednitzhembach, Bordnerds, Nbg.-Mühlhof, WSV Neptun Bamberg,  Stadtstrand Schweinfurt, Mainstream Kitzingen, Stadtstrand Würzburg

Comment (1)

  • Dominik Reply

    Hi Daniel,
    die Tour hört sich super an !!!
    Und die Beschreibung ist erste Sahne.
    Da kribbelte in den Fingern auch gleich loszupaddeln.
    Auf einem Foto ist nur eine Tasche zu sehen, hast du ausschließlich in Hotels/Pensionen übernachtet, also kein Zelt etc. dabei ? Oder eine(n) Begleiter(in) mit Wohnmobil?
    48 Umtragungen WOW 😁. Hast du das Board einfach getragen oder mit Boardwagen ?
    Wie bist du denn wieder zurück gekommen ?

    Viele Grüße
    Dominik

    8. Juni 2018 at 13:15

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