Interview mit Mattes, dem Einbeiner auf dem SUP

Mattes Wagner hat vor wenigen Tagen versucht, innerhalb von 48 h die Lippe auf 220 km Länge zu bepaddeln. Das an sich wäre schon eine unglaubliche Leistung, aber Mattes ist an einem Bein am Oberschenkel amputiert. Er paddelt also quasi auf einem Bein und einer Prothese.

 

Wir haben Mattes im Vorfeld seiner – leider abgebrochenen – 48h-Lippe-Tour interviewt:

Mattes, einige haben sicher schon von dir gehört. Wie bist du zum SUP Sport gekommen?

  • Zum SUP bin ich 2017 im Urlaub an der Ostsee gekommen. Ich habe an unserem Campingplatz einige Leute mit dem SUP auf der Peene gesehen. Als ich den SUP Coach gefragt habe, ob ich das mal probieren dürfte, war er mehr als skeptisch. Nach 20 min stand ich und wollte auch nicht mehr runter kommen. Das hat sich bis heute nicht geändert und ist zu einer innigen liebe geworden.

Du nennst dich selbst: der Einbeiner. Ist der offensive Umgang mit deinem Handicap auch der Schlüssel zum glücklich sein?

  • Definitiv. Ein Handicap sorgt oft auf allen Seiten für Verunsicherung. Wenn jemand offen mit einem Handicap umgeht, lockert dies die Situation und die Menschen ohne Handicap verlieren ihre Scheu. Außerdem legt jeder der einen sündhaft teuren Wagen fährt den Schlüssel so, dass jeder ihn sieht. Warum sollte ich mein Bein, was knapp 90.000€ kostet, nicht zeigen. Glück definiert sich für mich nicht über die Anzahl von Gliedmaßen oder Sinnen. Es definiert sich über die Anzahl der Stunden, in denen man Dinge tut, die man liebt.

 

Mit Handicap auf dem SUP. Welche Herausforderungen erwarten dich da? Kann ich auch als Rollstuhlfahrer oder Blinder supen?

  • Die Herausforderung liegt in der Bedienung der Prothese. Schließlich fehlen mir ein Kniegelenk und ein Sprunggelenk. Alle Bewegungen werden nur mit dem Stumpf und durch Gewichtsverlagerung gesteuert. Das ist zum einen motorisch anspruchsvoll, zum anderen auch sehr anstrengend. Wenn ein Mensch mit Oberschenkelamputation eine Strecke x läuft, muss ein Mensch ohne Handicap diese Joggen um die gleiche Energie aufzubringen. Gleiches gilt für einen Sturz. Im Wasser lässt sich mit der Prothese kaum aktiv Schwimmen und sie ist zudem recht schwer. Die Arme müssen das dann kompensieren. Rollifahrer und Blinde können tatsächlich diesen großartigen Sport ausüben. In Xanten bei Beachline, wo ich auch viel trainiere, wird das seit Jahren erfolgreich umgesetzt. Ein Rollifahrer kann mit seinem Rolli auf ein – entsprechend großes – SUP oder setzt sich auf eine Getränkekiste. Bei Blinden kommt sogar richtig Partystimmung auf. Dort fährt ein Guide vorneweg. Dieser hat einen Lautsprecher auf dem Board, welchem die Blinden dann folgen. Hindernisse oder anderes wird einfach angesagt. So können übrigens auch Blinde Windsurfen.

Gibt es spezielle Kurse und Trainer für Menschen mit Handicap, die aufs SUP wollen?

  • Spezielle Kurse gibt es nicht. Jedoch stehen ich und meine Teampartnerin bei Starboard, Kathi Rüsbüldt – sie ist ebenfalls Oberschenkelamputiert – jedem mit Rat und Tat zur Seite. Kathi ist ausgebildeter SUP-Instruktor. Ich mache das immer in Zusammenarbeit mit den Instruktoren vor ORT. Es kann sich also jeder an uns wenden, der einen Schüler hat, welcher sich schwertut oder jeder der es lernen möchte.

 

Eines deiner Projekte war 24h zum Weltrekord zu paddeln. Was planst du für demnächst?

  • Eigentlich war am 11. & 12.07.2020 geplant die Lippe, von der Quelle bis zur Mündung (220km), in zwei Tagen zu befahren. Jedoch hatte ich am 11.07 einen Unfall, bei dem ich große Mengen bakterienverseuchten Wassers aufgenommen und mir einen Brustwirbel ausgerenkt habe. Das führt am 12.07, am frühen Morgen, zu Brechdurchfall und schließlich dem Abbruch nach 120km. Ich möchte gerade diese Situation zum Anlass nehmen und nochmals alle Anfänger eindringlich warnen. Flüsse, egal wie beschaulich sie wirken mögen, sind kein Spielplatz für unerfahrene! Ich habe 200-300km pro Woche auf der Lippe verbracht und alle Szenarien geübt. Ohne diese Erfahrung hätte der Zwischenfall böse enden können. Aber natürlich habe ich noch viele Pläne im Sport. Da mir die recht langen Distanzen, über 50km, liegen, werde ich noch einige Fluss Abenteuer in Deutschland bestreiten. Aber auch International gibt es noch viele Abenteuer für mich zu erleben. Ich möchte nicht ins zeitliche Detail gehen, da es oftmals schwierig ist, die nötigen Gelder durch Sponsoren zu generieren und ich daher nie genau sagen kann, zu welchem Datum was stattfindet. Ich berichte jedoch immer rechtzeig in den Sozialen Medien und werde jetzt auch die technischen Voraussetzungen schaffen, damit alle live meine Position nachvollziehen zu können.

Wir danken Dir, Mattes für das ausführliche Interview. 

Ihr wollt noch mehr über Mattes und seine Projekte erfahren, dann schaut mal auf seiner Seite vorbei:
https://www.amputee-outdoor-action.org
Dort habt Ihr auch die Möglichkeit, Mattes für seine Aktionen finanziell mit einer Spende zu unterstützen. 

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