Stadt, Land, Fluss
Damit keine Langeweile aufkommt, geht es heute auf von Herford nach Bad Oeynhausen via Werre.
Was für ein Luxus. Das Auto lässt sich entlang der Hansastraße abstellen. Bis zum Einstiegsplatz sind es weniger als 100 m zu gehen. (Hansastraße 57-59, 32049 Herford)
Ich bin diesmal nicht allein auf dem Fluss. Zwei Kerle im Kanadier grüßen am Startplatz freundlich zurück, sind ruck zuck startklar und gleiten davon, während ich noch gefühlt eine Ewigkeit mit dem Aufpumpen, präparieren usw. beschäftigt bin (mich hetzt ja keiner). Später, an der Eisenbahnbrücke überhole ich diese, denn Dank dem Rückenwind aus SSO und der aufrechten Körperposition (Segeleffekt), habe ich eine ordentliche, unsichtbare Schubkraft, welche das Paddeln besonders vergnüglich macht.
Gleich nach dem Start hat man ein Hindernis zu überwinden. Ein Querbalken knapp unter der Wasseroberfläche verläuft senkrecht zur Strömungsrichtung. Gar kein Problem, wenn man genau in Flussmitte bleibt und die ca. 1 Meter breite Lücke nutzt, ansonsten verhakt sich die Finne, den Rest kann man sich denken .
Das deutlich klarere Wasser als in der Else, lässt einiges an Unrat auf dem Grund erkennen. Teile von Straßenabsperrungen, Einkaufswägen, Fahrräder und vor allem Auto- und Lkw-Reifen sind das Hauptmotiv in der Unterwasserwelt auf den ersten Kilometern. Sehr schade, denn eigentlich wirkte Herford auf mich recht sympathisch und gepflegt. Das mangelnde Umweltbewusstsein einiger Menschen dämpft die Freude und piesackt mein Spießerherz.
Aber kurze Zeit später lenken intensiv gelb strahlende Zitronenfalter meine Aufmerksamkeit auf sich und die Laune hebt sich wieder.
Sogar eine Bisamratte kreuzt den Wasserweg und verschwindet in der Höhle des sich auf der Wasserlinie befindlichen Eingangs.
"Zu den volkstümlichen Bezeichnungen der Bisamratte gehören u.a. auch die Bezeichnungen Zwergbiber, Bisambiber, Sumpfkaninchen, Sumpfhase und Wasserkaninchen. Die Bisamratte wird gelegentlich mit der Nutria verwechselt. Sie gehört zur Gattung Ondatra und ist die größte Wühlmaus."
Wikipedia.org sei dank, werde ich nicht ganz so dumm sterben, kann klugscheißend schwadronieren und mir dabei selbst beim Reden genüsslich zuhören.
Auf dem weiteren Verlauf drehen nah über mir zwei Mäusebussarde in der Frühlingsthermik aus geringer Höhe auf. Sehr würdevolle Vögel sind das und ich muss mich dazu zwingen den Blick wieder nach vorne zu richten, um keine Hindernisse zu übersehen, denn von denen gibt es hier nicht wenige; Wehre, Untiefen, umgestürzte Bäume, knapp unter der Wasseroberfläche quer verlaufende Holzbalken,...
Klasse ist, dass es auf dem heutigen Abschnitt keine Einschränkungen, wie z.B. Befahrungsverbote, gibt. Das schließt ein rücksichtsvolles Verhalten gegenüber der Natur selbstverständlich nicht aus.
Die Sonne hat bereits ordentlich Kraft und bringt die Bodennahe Luft zum Flimmern. Gefühlt ist meine rechte Gesichtsseite nach zwei Stunden knusprig. Immerhin scheint mir der Stern gegen Mittag von hinten, das ist erträglicher.
Auch hier hat das spätwinterliche Hochwasser gewütet. Über 2 Meter oberhalb des jetzigen Wasserstandes finden sich die Spuren davon in Form von Treibgut in den Ästen.
Einem modernen Kunstwerk gleicht an einer Stelle die wilde Aufhäufung von Baumstämmen und dicken Ästen. Ist es ein Außen-Exponat des Marta Herford Museums für moderne Kunst? Und wenn ja, was will der Künstler uns damit sagen? Eventuell dient es nur dazu auch die Wassersportler in die Ausstellung zu locken, so als Wink mit dem Baumstamm bzw. Zaunpfahl . Diese Kultureinrichtung liegt nur drei Steinwürfe von der Einstiegsstelle entfernt. Das Gebäude ist auf jeden Fall imposant.
Auf dem Weg sind so manche Kiesbänke zu umschiffen. Hier können Vögel nisten. Die Eier einiger Arten sehen aus wie Kieselsteine und sind als solche kaum zu erkennen. Unter anderem zum Schutz dieser, haben wir Zweibeiner nichts auf solchen stellen zu suchen.
Übrigens, der Wasserstand der Werre beträgt heute 75 cm (laut der Pegelstation Herford http://luadb.lds.nrw.de/LUA/hygon/pegel.php?stationsname=Herford_2&yAchse=Standard&nachSuche=ja&neuname=Herford_2&meifocus=)
Bei weniger als 65 cm würde ich hier mit einer Standard Fine nicht paddeln wollen, denn das würde recht häufig zum abrupten Abbremsen führen, wahrscheinlich mitsamt eines ungewollten Abflugs vom Brett.
Generell gilt es, wie immer, aufmerksam zu sein, um nicht aufzusetzen und dem Hauptstromstrich zu folgen. Mittig vom Fluss stehen die Chancen meist besonders gut, um genug Wasser unter der Finne zu haben, in Kurven eher zur Außenseite hin tendieren. Wer das Wasser lesen kann, ist klar im Vorteil. Das nur am Rande.
In den abgerutschten Steilufern haben einige Vögel ihr Quartier. Auch das abgestorbene, im Wasser liegende Gehölz bietet verschiedenen Tieren einen Lebensraum im selbigen, und auch darunter. Mit viel Aufwand wurde der Flusslauf dem ursprünglichen naturnahen Zustand angeglichen.
Irgendwann kommt man an die Eisenbahnbrücke. Ich höre die hohe weibliche Stimme von meinem Navi im Kopf: "Halblinks halten und den linken Brückenbogen nehmen, danach gelangen Sie unbeschadet durch die Arkade". Vielleicht gibt es soetwas irgendwann auch mal für die Wasserwanderer, inklusive projizierter Linienführung per Brillengläser oder direkt in die Netzhaut. Stichwort "augmented reality"/erweiterte Realität. Spannend. Hier habe ich übrigens die zwei Gleichgesinnten von der Einstiegsstelle, welche in tiefer Gangart unterwegs sind, überholt.
Stahlblauer Himmel, keine Wolken zu sehen, noch nicht einmal Kondensstreifen von Flugzeugen am Himmel. Das ist ein seltener Anblick. Bei so wenig Verkehr in der Luft und am Boden, wie zur Zeit, mit dem damit verbunden verringerten Ausstoß von Kondensationskernen, ist es wohl nicht verwunderlich. Aber auch deswegen, weil die Luft mit weniger als 30% relativer Feuchte, bemerkenswert trocken ist.
An so mancher Engstelle auf Grund von umgestürzten Bäumen, heißt es: "Ohren anlegen, klein und hässlich machen, dann komm ich auch durch diese irgendwie durch."
Gegenüber dem denkmalgeschützten Hotel & Restaurant "Mühlenwerk 1857", geht es nach links auf's Ufer, um die Wehranlage zu umtragen, denn auch mit dieser ist nicht zu spaßen. Man könnte sicherlich auch rechts anlegen und sich eine Pause u.a. im Biergarten gönnen. Die Rezensionen auf Google Maps loben das besondere Ambiente und die Küche dieser Örtlichkeit. Ein anderes Mal gerne.
Am Werre-Else-Eck bildet eine Rinderfamilie das Empfangskomitee. Die Tiere nähern sich mir zügig bei meiner Ankunft an, was bei mir die Sorge aufkommen lässt, ob ich unbescholten das nächste Wasserhindernis umtragen kann. Doch nachdem wir uns gegenseitig freundlich und betont unaufgeregt begrüßt haben und eine kleine Weile nahe beieinander verbracht haben, verlieren die Tiere das Interesse an mir und weiden gelassen weiter. Jetzt traue ich mich an Land zu gehen. Auch das niedliche niesen oder husten des Kälbchens, kann mich nicht mehr verunsichern.
Die Strecke bis zum Werre-Else-Eck gestaltet sich, Dank dem Rückenwind, einfach. Das unumgängliche Umgehen einiger größerer Hindernisse, hier und da, ist eine zusätzliche willkommene Abwechslung.
Nach dem Zusammenfluss der beiden besagten Gewässer, geht es nach rechts, also nach Osten. Verbunden mit der angekündigten und tatsächlich eingetretenen Winddrehung auf SO, werden die letzten 7 km bis Bad Oeynhausen im Gegenwind recht zäh. Dieser wird nämlich im Flusslauf zusätzlich kanalisiert. Kniend, mit kurz gegriffenem Paddel, komme ich dennoch akzeptabel voran und freue mich über das komplettierte Workout.
Vor dem Brückenwehr in Löhne, ließe sich, nach 12 km, die Tour beenden. Wenn man links an Land geht, erreicht man den Parkplatz gegenüber dem Restaurant "Sport- und Brückenhaus". Ggf. eine Pizza zur Stärkung auf der Terrasse genießen und den Wasserlauf beobachten. Geht man rechts an Land, so beträgt der Weg zum Bahnhof von Löhne weniger als 400 m.
Möchte man weiter paddeln, so nimmt man die linke oder die rechte Route und durchfährt das Bauwerk. Ich habe mich für die rechte Seite entschieden, wegen der etwas größeren Wassertiefe. Es war die richtige Entscheidung.
Stumpf paddel ich bis zum geplanten Etappenziel, dem Gradierwerk in Bad Oeynhausen, weiter.
Schon bald kündigt die markante Brücke der A30 das anstehende Ende der Tour an.
Kaum habe ich den besiedelten Bereich der Stadt Oeynhausen um mich herum, strömt vom rechten Ufer intensiver köstlich duftender Grillgeruch mir in die Nase. Doch jetzt darf ich mich nicht ablenken lassen, denn die nahende Wehranlage will unbeschadet umtragen werden. Nachdem das erledigt ist, checke ich den angeblichen bisherigen Kalorienverbrauch laut der Runtastic App; 1495 kcal, mein Bauchgefühl sagt aber 1495 kcal^2. Egal, bis zum Ausstieg ist es nicht mehr lange hin und auf dem Weg zum Bahnhof, wie auch beim Warten auf den Zug, bleibt genug Zeit den Blutzuckerspiegel, mit dem vorbereiteten Allerlei, zu heben. (Bleibt nur zu hoffen, dass die Schokolade in der Packtasche nicht zerlaufen ist.)
Vor dem letztes Wehr, am gegenüberliegenden Ufer vom Kanu-Verein Bad Oeynhausen eV, lässt es sich gut an Land gehen. Der Einstieg nach dem Umtragen ist, wegen der steilen Böschung, etwas beschwerlich. Wer genug vom über Wasser gehen hat, steuert z.B. den 1,7 km entfernten Bahnhof an. Da ich keinen Meter zu viel laufen mag, geht es für mich noch einen km weiter auf der jetzt flotten Weser. Erst am Gradierwerk ist für heute meine Endstation erreicht.
Nach der Anlandung am Ende der Tour, ist die komplette SUP-Ausrüstung zügig im Rucksack verpackt und der knappe km zum Bahnhof ist ein Klacks. Für 4,9 € bringt mich der Zug in 11 Minuten nach Herford. Der zehn minütige Spaziergang zum Auto lockert noch mal die Beine und ist sehr willkommen.
Schön war es auf der Werre. Ich komme wieder und freue mich auf die Fortsetzung.
Übrigens, wer sich schon immer mal noch nie gefragt hat, was Bad Oeynhausen u.a. zu bieten hat, hier trotzdem die nicht erschöpfende Antwort; den Hochseilgarten im Landschafts- und Kulturpark "Aqua Magica", die Bali Therme, den sehr gut gepflegten schönen Kurpark,...
Nach entspannter Autofahrt, zu Hause angekommen, fühle ich nicht nur die Anstrengung des paddelns von 19,2 km in kurzweiligen 3,75 Std., sondern auch eine echte Dankbarkeit, sowohl, dass heute alles gut und nach Plan verlaufen ist, als auch ein so privilegiertes Leben leben zu dürfen, was keine Selbstverständlichkeit ist, auch wenn es allzu oft selbstverständlich erscheint. Für den Rest des Tages verblassen meine Erste Welt Probleme und Fragen aus meinem Bewusstsein: Werde ich die vielen Lebensmittel zu Hause aufbrauchen, bevor diese schlecht werden? Wie lange wohl die Spritpreise weiterhin noch so günstig bleiben? Stellt sich die grandiose Wetterlage um oder bleibt sie noch lange erhalten?... Alles belanglos.
In diesem Sinne.
Bleibt gesund.
Startpunkt: Herford, Werrefluss
Hinweise & Tipps: Heutiger Wasserstand der Werre, laut Pegelstation Herford, 75 cm. Bei weniger als 65 cm kritisch. Generell aufmerksam sein, um nicht aufzusetzen und dem Hauptstromstrich folgen. Mittig vom Fluss stehen die Chancen meist besonders gut, um genug Wasser unter der Finne zu haben, in Kurven eher zur Außenseite hin tendieren. Wer das Wasser lesen kann, ist klar im Vorteil.
Info zu Transfer zwischen Start- und Endpunkt: Bahnverbindung zwischen Herford, über Löhne nach Bad Oeynhausen. Für 4,9 € in 11 Minuten Fahrzeit. Vom Ufer bis zum Bhf ist es mit einem verpackten i-SUP nicht weit, ebenso später weiter zum Auto.
Pausenmöglichkeiten: -Picknicken an den Umtragestellen, jedoch nicht an den Pausenstellen des Herforder Kanu-Verleiher "Indian Summer Kanutouren"-Beim denkmalgeschützten Hotel & Restaurant "Mühlenwerk 1857", u.a. im Biergarten-Vor dem Brückenwehr in Löhne, wenn man links an Land geht, erreicht man das Restaurant "Sport- und Brückenhaus".
Gefahren: gefährliche Stelle (bitte Details in der Tourenbeschreibung lesen)
Eigenschaften: Wanderfluss
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Comments (3)
Moin, eine Frage: ist der Abschnitt Herford/Löhne in beiden Richtungen paddelvar oder nur stromabwärts?
Löhne/Oeynhausen geht ja gut in beide Richtungen….
Theoretisch lässt sich auch gegen die Strömung paddeln, aber das ist schon sehr sportlich und auf Dauer sehr kräftezehrend.
Eine Frage, darf man auf der Werre mit privaten Sups fahren oder muss man dafür Formulare ausfüllen?